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Angelika Merkelbach-Pinck
Angelika Merkelbach-Pinck

Von Dagsburg/Dabo bis Rüttgen/Roussy, von Waldhausen/Waldhouse bis Enschweiler/Eincheville wandert eine Frau von 1930 bis 1939, immer im Herbst und Winter, um 'den Märchen, Sagen, Legenden, Schwänken, Bräuchen nachzuspüren'. Denn es ist Zeit, dies alles festzuhalten, bevor es verloren geht. Nichts kann Angelika Merkelbach-Pinck abhalten, weder Wetterunbill noch Unwegsamkeit, auch nicht das Misstrauen manches Lothringer Bauern oder gar militärisches Sperrgebiet der im Bau begriffenen Maginotlinie. An die 2000 Sagen, 700 Sprichwörter, 100 Schwanke, 50 Legenden und 120 Märchen trägt sie so in die Sammelkiste des Hambacher Pfarrhauses, wo sie die Notizen bearbeitet, sorgfältig und treu, in Hochsprache oder Mundart.

Seit der Kindheit ist sie in der Erde lothringischer Sagenwelt verwurzelt. Die 1813 geborene Großmutter erzählt von russischen Durchzügen, von Hexen und Geis-tern. Der Vater, Postmeister in Lemberg, berichtet vom Siebziger Krieg, von seiner Gefangennahme in Metz. Er nimmt sie mit zum Jagen, zu den Geistern auf dem "Rosskopf, zu den Irrlichtern über dem Schlossweiher. An der Hand des großen Bruders, damals noch Collegien in Bitsch, lernt sie 'die Geheimnisse unserer Quellen und Felsen, die heiligen Schauer unserer Wasgenwälder, in den Burg- und Klosterruinen die Geschichte unseres Landes kennen.'

Geboren wurde Angelika 1885 im bitscherländischen Lemberg als neuntes von dreizehn Kindern. Das altlothringische Geschlecht der Pincks, so erzählte sie mir stolz als Achtzigjährige, hatte sich in den Bauernkriegen ausgezeichnet. Die protestantische Mutter, früh verstorben, sang ihr 'luddrische' Kirchenlieder. 'Unverzärtelt wuchs sie auf in einer gesunden Bergluft, in einer Wasgenwaldgegend voll Schönheit, voller Denkmäler und Geheimnisse'. Dann Pensionat in Finstingen - 'e bissel Frònzeesch, e bissel Klavier'-, Ausbildung als Lehrerin in Metz, wo der "streitbare Kaplan' Louis bei den Lesern seiner Metzer Volksstimme Volkslieder und Erzählungen einsammelte, die Angelika in ihrer Freizeit ordnete. Später amtete sie als Lehrerin, zuletzt in Darmstadt, wo sie den Bund fürs Leben mit dem Frankfurter Fabrikanten Karl Merkelbach schloss. Um 1930 endlich, als ihre Söhne Norbert und Lothar dem Kindesalter entwachsen waren, konnte Angelika sich wieder der Sagenwelt Lothringens zuwenden.

1939 war die Ernte eingetragen, ein Teil davon in den zwei Bänden Lothringer erzählen verarbeitet. In den Kriegsjahren erschienen die Mammutwerke Lothringer Volksmärchen und Lothringer Meistube I + II.


''Em Volk uffs Mull geluht''

Angelikas Erzählungen sind Zeitbilder für den Mundartliebhaber. Sie führen uns zurück in die Urwelt der heute von Autobahnen, Reiseagenturen und Fernsehen in die Vergessenheit verdrängten Meistuben. Einfache' Leute - nicht Bürger oder geschäftstüchtige Großbauern - fanden zusammen im Winter beim Spinnen, Stricken, Rauchen und Trinken. Sie 'meiten', erzählten weiter, was sie von den Eltern gehört (s. etwa S. 45). Man erzählte und faselte bisweilen, denn streng war der 'Herr', fromm und abergläubisch aber das Volk.2 Anno dazumal...

Vom Kriege verweht die hehren Sitten, ausgebombt das Heim, ausgelöscht Sohn Norberts Leben. Mut war gefragt: Vor dem Volksgericht in Berlin brach Angelika eine Lanze für den verhafteten Pastor Jean Seelig. Eine Audienz erlangte sie beim Reichsminister für 'Volksaufklärung' und Propaganda: 'Ein Aufstand droht, wenn Sie einen lothringischen Priester hinrichten.'- 'Ich verstehe', knurrte Goebbels und ging. Jean Seelig überlebte.3 Ein deutscher Staatsanwalt hatte Angelika geholfen, ein lothringischer Landsmann hatte sie angeschwärzt.

Nach dem Krieg und dem Tode ihres Mannes lehrt sie Deutsch in Bethune, initiiert 1953 für in Lievin verbliebene deutsche Kriegsgefangene eine Seelsorgestelle, in der sie bis 1964 wirkt. In dieser Zeit publiziert sie mit J. Müller-Blattau den 5. Band der Verklingenden Weisen.

Ihre letzten Jahre verbringt Großmutter Angelika bei Sohn Lothar in Uhlands von der Kapelle droben beschautem Tal'. Dann lässt Gründlichkeit sie nochmals durch Lothringens Frühling reisen...4 Es ist die Zeit ihrer vielleicht schönsten Werke: Volkserzählungen aus Lothringen sowie Brauch und Sitte in Ostlothringen.

Auszeichnungen bekam sie einige5, doch keine aus der Heimat... Karl Merkelbach hatte Louis Pincks Liedersamm-lungen mit den kunstvollen Zeichnungen Henri Bachers finanziert. Für ihre Nachkriegswerke musste seine Witwe deutsche Verlage mit dem Bettelstab durchwandern. Sie starb 1972 im heimatlichen Lemberg und liegt in Bad Homburgs Erde, nicht im Grieß des heißgeliebten Wasgenwaldes...

Warum all diese Strapazen, Angelika, wie konnten Sie nur durchhalten?

Es war die Heimat selbst, die mich rief, die mich dazu zwang, um mit ihr verbunden zu bleiben. Meine Volkskundearbeit war sozusagen mein fortgesetztes Gespräch aus der Ferne mit dieser Heimat... War eine Gefahr dabei, kannte ich sie nicht und hätte sie auch nicht sehen wollen...
Da also ist der Grund, warum mein Bruder und ich - wie in Lessings Parabel - 'danach strebten, die Kraft des Steines in unserem Ring an den Tag zu legen...'

1 zusammengestellt von P. Gabriel aus persönlichen Erinnerungen und Kurzbiographien. Grundlegend dabei ein Artikel von Anke Meier und Stefan Schwall (Saarbrücker Zeitung, 1972).
2 Dazu schrieb mir Frau Merkelbach-Pinck im Dezember 1965: Vor allem macht mir der viele Aberglauben zu schaffen. An sich aber ist er mehr Volkswissen als Aberglauben und - wie in den zehn Geboten - zum Teil hygienischer Schutz.
Wie dem auch sei: Wir wollen ja nur wissen, wie das Volk war, nicht wie wir es hätten haben wollen.
3 Wie mir Frau Merkelbach-Pinck im oben zitierten Brief mit-teilte, hatte sie dabei die Rückendeckung Hermann Bicklers.
4 nach Walscheid, Lützelburg, Saarburg, Finstingen, Rohrbach und in die Diedenhofener und Mörchinger Gegend. Die Arbeit der Korrektur war eine sehr schwere... Ich kam halbtot zurück, berichtet mir im April 1965 die Achtzigjährige.
5 Brüder-Grimm-Plakette der Stadt Kassel, Pirkheimer Medaille von Nürnberg, Erwin-von-Steinbach-Preis, Kreuz Pro ecclesia et pontifice (verliehen von Johannes XXIII.)



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